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Möhler in Meran: Erinnerungen an den verstorbenen Theologen

Zusammenfassung

Ein Rückblick auf den Meraner Aufenthalt des katholischen Theologen Johann Adam Möhler anlässlich seines Todes. Geschildert werden eine Unterredung mit Strauß, Möhlers theologische Studien und Haltungen sowie seine bleibende Anteilnahme am Meraner Schulwesen.

Vollständige Transkription

Anhang.

Möhler in Meran. 2/2

(Beschluß.)

Strauß machte keinen Versuch, sich über den unbekannten Professor weiter aufzuklären, als plötzlich ein zufälliges Wort fiel, Möhlern verrathend, ohne alle Absicht. „Ich habe also, wie ich merke,“ fiel Strauß lebhaft ein, „nicht den Professor Müller, den ich suchte, sondern Möhler, den Verfasser der Symbolik vor mir.“ Möhler machte eine stumme freundliche Verbeugung im bejahenden Sinne. „Sie haben den Protestantismus,“ fuhr Strauß weiter, „ganz richtig aufgefaßt und dargestellt, mit ihrer Darstellung bin ich ganz einverstanden, nur andere Folgen ziehe ich daraus. Was Ihnen als Schwäche desselben erscheint, betrachte ich als einen besondern Vorzug desselben, als das große Prinzip der Perfektibilität unseres Bekenntnisses.“ Möhler erwiederte nichts, Beide schieden freundlich von einander, und der Erstere war über den ganzen Vorfall den ganzen Abend sichtbar aufgeheitert. In den Stunden der Ruhe, was gewöhnlich von 10 bis 4 Uhr der Fall war, um die größte Hitze auszuweichen, studirte er die Geschichte der bischöflichen Kirchen von Brixen und Trient, las wohl auch bisweilen das eine oder andere Buch zur Unterhaltung, namentlich in Lewalds „Tirol.“ So sehr er die Darstellung im Letztern lobte, eben so sehr äußerte er sein Erstaunen über die Unähnlichkeit der Bilder mit der Wirklichkeit. Nebenbei beschäftigte er sich fortwährend mit der Idee einer Geschichte des Benediktinerordens, dem er besonders zugethan war, und wollte in einem großen Oktavbande die unermeßlichen Wirkungen desselben auf die Kultur des Abendlandes zeigen. Er las deshalb fleißig in den Konstitutionen dieses Ordens, und sammelte auch manches für seinen Zweck Passendes. Besonders interessant wurde sein Vortrag, wenn er von seiner Reise durch Deutschland erzählte, die er vor seinem Lehramte in Tübingen für literarische Zwecke gemacht. Er hielt sich längere Zeit in Berlin auf, und machte sich mit allen Kreisen des religiösen Lebens vertraut. „Was nach menschlicher Ansicht,“ sagte er, „geeignet war, meine noch nicht hinlänglich entschiedene Geistesrichtung den katholischen Interessen zu entfremden, wurde in der Hand Gottes gerade das Mittel, mir den Katholizismus in seiner festen, unzerstörlichen Kraft, in seiner ewigen Erhabenheit und Würde darzustellen, so daß mein Aufenthalt in Berlin der entscheidendste und wichtigste Moment genannt werden muß.“ Einen besonderen Eindruck machten auf ihn die Verirrungen des Pietismus und der Geisterseherei, und trugen wesentlich bei, ihm die Kirche als Einheitspunkt der Wahrheit für unerläßliches Bedürfniß einzuschärfen. Wie schon seine äußere Haltung, noch mehr seine geistige Anlage stets auf allseitiges Ebenmaß lossteuerte, in sicherer Stellung mit Ruhe und Ernst die ungeheuern Massen der Wissenschaft und Kunst, wie der Welt und Menschengeschichte überblickend, so war ihm nichts schmerzlicher, als jedes Unmaß und Uebermaß, auch noch so gut oder böse gemeint in Religion und Kirche, in Staat und Ländervereinen. Er beklagte oft mit schwerem Herzen, wie prophetischen Auges die Ereignisse der Gegenwart ahndend, den Zusammenstoß der Extreme, um so schwieriger zu vermitteln, je leichter Ruhe und Maßhaltung überhört werden kann im Tumulte widerstrebender Meinungen. Besonders schärfte er dringend das bescheidenste Feststehen auf der Linie des kirchlichen Gebiethes, unermüdliche Geduld und aufopferndes Entgegenkommen ein, um der Kirche wahrhaft zu nützen, und ihre allseitigen Interessen mit Sicherheit und Dauer zu erweitern. Das entgegen gesetzte Verfahren nannte er: „unzeitiges Herausfordern der feindlichen Sturmmassen.“ Mit Vergnügen sah er überall das Aufleben der religiösen Orden, drang aber eben so entschieden auf neue, der Zeit angepaßte, in Wissenschaft und Tugend fest gestellte Grundlagen, ohne welche die Form nie genügen werde, den Geist zu beleben, und der Gegenwart zu leisten, was noth thue mit der tröstlichen Aussicht auf bleibenden Fortbestand in der gebesserten Zukunft. Von den barmherzigen Schwestern sagte er, er sey in seinem ganzen Leben durch nichts so sehr gerührt worden, als durch die Aufopferung und Liebe dieser heldenmüthigen Jungfrauen am Rheine. Der Lehrberuf stand so reißend und segenreich vor seiner Seele, so zusagend seiner Neigung, daß er auch dann nicht den Muth hatte, ans Aufgeben seiner Stelle zu denken, als wohlmeinende Freunde die Nothwendigkeit dieses Schrittes aus gesundheitlichen Rücksichten von ferne durchschimmern ließen. Er nahm daher auch an allem den lebhaftesten Antheil, was auf die Erziehung Bezug hatte. Besondere Liebe und Aufmerksamkeit schenkte er dem Gymnasium und der Schulanstalt der englischen Fräulein in unserer Stadt, so daß er mit der edelsten Humanität alle ihm zu Ohren kommenden Urtheile über beide Anstalten sammelte, und denjenigen mittheilte, von deren Mitwirkung er die Handhabung des Guten und Wahren erwarten zu müssen glaubte. Seine innige Frömmigkeit, besonders in der Kirche bei der heil. Messe, gab nicht bloß seinen Worten und Handlungen, sondern seinem bloßen Erscheinen, seinem Auftreten eine unwiderstehliche Kraft, die ihm Aller Herzen gewann und anzog. Man erinnert sich noch jetzt mit Freuden an seine hehre, menschenfreundliche Gestalt, und diese Erinnerung lebt in moralischen Folgen segenwirkend fort. Daher hat sein Tod hier um tiefern Eindruck gemacht, je frischer das Bild des milden weisen Lehrers vor unserer Seele stand. Möge sein Andenken lange unter uns fortleben als der beste Kommentar zu seinen geistreichen Schriften, segnend und belebend, was der Verklärte auf Erden vertreten, Wahrheit und Tugend der katholischen Kirche.

Meran, den 14. Mai 1838.

Auch in diesem Monat

  • Der Bote für Tirol1830er5 Schlagwörter

    Möhler in Meran

    Erinnerungsbericht über den Kuraufenthalt des bedeutenden katholischen Theologen Johann Adam Möhler im Sommer 1837 in Meran. Geschildert werden sein bescheidenes Wesen, die Wirkung seiner Persönlichkeit auf die einheimische Bevölkerung sowie eine Begegnung mit dem Berliner Hofprediger Strauß.

1838 im Überblick

Das Jahr 1838 war in der Region Meran von der Pflege regionaler Identität, bedeutenden Persönlichkeiten und den Vorbereitungen auf den Tourismus geprägt. Im Mai standen kaiserliche Ehrungen für die Familie Andreas Hofers im Passeiertal und die Eröffnung des Mitterbads im Ultental im Mittelpunkt. Im Juni wurde zudem des verstorbenen Theologen Johann Adam Möhler und dessen Wirken vor Ort gedacht.

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"Möhler in Meran: Erinnerungen an den verstorbenen Theologen." Der Bote für Tirol, 11. Juni 1838. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/11.06.1838/151510/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1838-06-11-moehler-in-meran-erinnerungen-an-den-verstorbenen-theologen