Möhler in Meran
Erinnerungsbericht über den Kuraufenthalt des bedeutenden katholischen Theologen Johann Adam Möhler im Sommer 1837 in Meran. Geschildert werden sein bescheidenes Wesen, die Wirkung seiner Persönlichkeit auf die einheimische Bevölkerung sowie eine Begegnung mit dem Berliner Hofprediger Strauß.
Vollständige Transkription
Anhang.
Er langte hier im Juni v. J. an, zu einer Zeit, wo bereits eine drückende Hitze fühlbar wurde, die aber auf seine Gesundheit den wohlthätigsten Einfluß übte, und in Verbindung mit der Molkenkur den besten Hoffnungen Raum gab. Er heiterte sich im Strom der südlichen Lebenslüfte sichtbar auf. Seine hohe würdevolle Gestalt, das überaus Treuherzige seines geistreichen Auges, die Humanität in seinem ganzen Betragen, vor allem andern die gemessenste Maßhaltung in Rede und Urtheil, machten ihn gleich in den ersten Tagen sogar den ganz Unbekannten höchst ehrwürdig, so daß seine bloße Erscheinung mit moralischer Kraft auf die Gemüther wirkte. Er wohnte in der Post, wo ihm die große Aufmerksamkeit der guten Wirthsleute sehr wohl that. Und in der That genoß er dieselbe in hohem Grade, nicht so fast als Gast, als durch die hohe Würde seiner priesterlichen Persönlichkeit. Unser Volk, stets ehrfurchtsvoll angeregt beim Anblicke eines Priesters, erwies ihm überall die größte Hochachtung, ohne ihn näher zu kennen, mit sichtbarem Zartgefühle für seine auferbauliche Gegenwart, gerührt durch sein freundliches Entgegenkommen: Wenn die Landleute nach altem Brauche die Ackerwerkzeuge fallen ließen, um ihm die Hand zu küssen, bemächtigte sich seiner einige Mal eine sichtbare Rührung, die vergleichend im Geiste der edlen Einfalt und Innigkeit des tirolischen Volkes das schönste Zeugniß gab. Der Zustand seiner Gesundheit, welcher das laute Reden nicht begünstigte, machte ihn in allen Verhältnissen behutsam, ja ängstlich; aber auch diese unabweisliche Mißstimmung war stets mit dem umsichtigsten Zartgefühle höhern moralischen Rücksichten untergeordnet, so daß sich der Besuchende oder Umgehende unwillkührlich zu eben so großer Rücksicht als Bewunderung aufgefordert fühlte. Er wollte anfangs mehrere Ausflüge machen, auf das Schloß Tirol, nach Kaltern, Botzen und anderwärts, es kam aber nicht dazu, weil jede größere Bewegung sein Brustübel reizte. Sein weitester Gang ging eine Stunde weit nach Tscherms, aber mit einer Raschheit und Eile, die nicht umsonst als Ueberreitz seines zarten Organismus auffiel, und auch eine kurzdauernde Verschlimmerung seines Zustandes herbei führte. Während seine Sorgfalt in äußerer Richtung auf die Herstellung seiner Gesundheit gerichtet war, blieb sein reger, unaufhörlich thätiger Geist mit den weitreichendsten, originellsten Ideen über Gott, Kirche und Staat beschäftiget, so daß der Umgang mit ihm die beste Schule der größten und edelsten Wahrheiten war. Er redete stets sehr langsam, äußerst bestimmt, in wohlgefügten, unverwickelten, mit größter Präzision durchgeführten Perioden, mit der Glätte und Feinheit eines klassisch gebildeten Geistes, dem die höhere Salbung christlicher Weisheit Kraft und Anmuth verliehen hatte. Bisweilen stieg sein Vortrag im vertrauten Kreise zur begeisterten Innigkeit, und eine leichte Röthe überflog sein blasses Angesicht, des inwohnenden Feuers beredte Zeugin, aber auch andeutend den Funken der Krankheit, die sein Leben endigte. Von seinen Werken sprach er nie, außer auf bestimmte Anfrage, und auch da nur kurz, mit einer Demuth und Bescheidenheit, wie sie nur bei so viel wirklichem Verdienste, bei einer so vollendeten Durchbildung und Abrundung in Religion und Wissenschaft angetroffen wird. Ersucht, ein vollständiges Verzeichniß seiner Schriften anzugeben, überging er sein erstes Werk: „Ueber die Einheit der Kirche,“ ganz mit Stillschweigen, und daran erinnert, sagte er: „Ich werde nicht ganz gern an dieses Werk erinnert. Es ist die Arbeit einer begeisterten Jugend, es mit Gott und Kirche und Welt redlich meinend; aber manches, was darin steht, könnte ich jetzt nicht mehr vertreten, es ist nicht alles gehörig verdaut und dargestellt.“ Nur von der Symbolik fing er einmal unaufgefordert zu reden an, bei einem besondern Anlasse, mit dem ihm ganz eigenen Lächeln des klaren, redlichen Bewußtseyns. Es war nämlich der bekannte Konsistorialrath und Hofprediger Strauß von Berlin nach Meran gekommen, in der Gesellschaft seines Sohnes, angeblich in der Absicht, den Letztern die Spitze des Ortlers besteigen zu lassen, wozu jedoch unseres Wissens kein Versuch gemacht worden ist. Zufällig erfuhr Strauß am Tische des Wirthshauses, ein gewisser Professor Müller halte sich hier gesundheitshalber auf, sey es, daß der Name Möhler unrichtig ausgesprochen oder falsch aufgefaßt worden war. Sogleich wollte Strauß ihn sehen, als einen Bekannten von langer Zeit her. Er trat in Möhlers Zimmer, sogleich seinen Irrthum merkend, und in allgemeiner Rede klug ausbeugend, während der Verfasser der Symbolik den Hofprediger von Berlin aus gar wohl kannte. (Beschluß folgt.)
*) Die zahlreichen Freunde dieses ausgezeichneten Mannes glauben wir durch Mittheilung dieses Aufsatzes mit einem lieben Erinnerungsblatte an Einen der edelsten Männer zu erfreuen.
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1830er6 Schlagwörter
Möhler in Meran: Erinnerungen an den verstorbenen Theologen
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"Möhler in Meran." Der Bote für Tirol, 7. Juni 1838. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/07.06.1838/151509/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1838-06-07-moehler-in-meran