Nekrolog für Jakob Ulrich Pirchstaller, k. k. Zeichenmeister und Statuar in Meran
Ein ausführlicher Nekrolog würdigt das Leben und Wirken des am 14. Februar 1824 verstorbenen Künstlers Jakob Ulrich Pirchstaller. Der gebürtige Trenser wirkte in Meran als Bildhauer, Verwalter des Bürgerspitals und Gründer einer öffentlichen Zeichenschule. Neben seinen künstlerischen Arbeiten zeichnete er sich durch seinen Dienst für das Gemeinwesen und seine Standhaftigkeit während der Kriegswirren von 1809 aus.
Vollständige Transkription
Anhang.
Schon manchem verdienten Manne unsers Vaterländchens wurde in diesen Blättern ein Denkmal gesetzt. Ein solches scheint auch verdient zu haben der am 14. Hornung d. J. in Mais verstorbene Herr Jakob Ulrich Pirchstaller, k. k. Zeichenmeister und Statuar zu Meran.
Seine Eltern waren Veit Pirchstaller und Maria Gratl, Handelsleute zu Trens, in der Pfarre Stilfes, wo er den 3. Juli 1756 getauft wurde.
Die Anfangsgründe im Zeichnen und Bildhauen erlernte er bei seinem Vetter, dem Bildner und Fasser Gratl in Innsbruck. Seine Fähigkeiten und sein unermüdeter Fleiß verschafften ihm die Aufnahme in die k. k. freie Akademie der vereinigten bildenden Künste zu Wien, wohin er zu Ende Novembers 1775 abging.
Sechs Jahre besuchte er dort in den Wintermonaten unausgesetzt die öffentlichen Vorlesungen; zur Sommerszeit fand er bei der k. k. Hofbaudirektion Gelegenheit, sich unter den ausgezeichnetsten Meistern in allen Zweigen der Baukunst und andern Kunstarbeiten zu üben.
Mit dem Zeugnisse, „daß er in dieser Zeit durch fleißige Verwendung einen ganz besondern Fortgang in seiner Kunst gemacht habe,“ kam er im Spätherbste 1781 wieder in sein Vaterland zurück.
Der Fürst-Bischof von Brixen, Joseph Graf von Spauer, übergab ihm nun den Bau der Façade an der schönen Domkirche daselbst.
Im Jahre 1785 wurde er nach Meran berufen, wo er den neuen marmornen Hochaltar in der Pfarrkirche erbaute.
Da errichtete er aus eigenem Antriebe eine öffentliche Zeichnungsschule, welche in der Folge auch die allerhöchste Genehmigung erhielt. An ihn erinnert sich dankbar mancher seiner ehemaligen Zöglinge unter den Studirenden und Handwerksjungen.
Er hatte einen besondern Freund an dem damaligen k. k. Landrichter D. Hellrigl von Rechtenfeld. Noch von Brixen aus, wo Hellrigl von 1790 an Stadtrichter war, stund dieser mit ihm in einem vertrauten Briefwechsel, und zog ihn bei öffentlichen Bauten zu Rathe.
Seiner Verdienste wegen wurde Pirchstaller mit dem Bürgerrechte von der Stadt Meran beschenkt, in die Zahl der damaligen Magistratsräthe aufgenommen, und als Verwalter des Bürgerspitals angestellt.
Den 23. November 1795 verehelichte er sich mit Magdalena Teiß aus dem Thale Passeyer.
Im nämlichen Jahre, den 18. Dezember, wurde sein Bruder, Johann Pirchstaller, Stadtpfarrer in Brixen.
Die von der Besorgung der nicht unbeträchtlichen Spital-Oekonomie und Aufsicht freien Stunden verwendete er auf das fortgesetzte Studium und verschiedene Arbeiten seiner Kunst. Es erübrigen noch mehrere von ihm verfertigte Basreliefs rc. von Gips, die er durch einen in Wien erlernten Kunstgriff so zu bronziren wußte, daß man sie wirklich für Metall hält. Unzählige Baupläne und derlei Risse verfertigte Pirchstaller, und nahm auch manche Gegenden auf.
Daß seinen Zeichnungen nicht die Richtigkeit, wohl aber die Feinheit mangelt, darf man sich nicht wundern, da bei seiner Lieblingsarbeit mit dem Meißel und Hammer in Marmor seine Hand zu sehr erstarket war.
Bei den verschiedenen Gebäuden der Stadt und der Privaten benützte man seinen Rath, den er immer mit eifervoller Bereitwilligkeit ertheilte. Besonders Maurer-, Zimmer-, Schreinermeister ehrten ihn als ihren Vater. Bei den wiederholten Einbrüchen der Passer und Etsch, und den Vorbauten dagegen, leistete er in den früheren Jahren durch seine Kenntnisse manchen vortrefflichen Dienst. Er erhielt bei Feuersbrünsten manches anstoßende Haus, ja manches Strohdach, durch die Besprengung mit gesalzenem Wasser.
Während der Kriegsepoche vom Jahre 1796 an wurden seine Geschicklichkeit und Thätigkeit bei den Verpflegs-Anstalten der vielen durchziehenden k. k. Truppen, bei den Landesvertheidigungs-Anstalten u. s. w. von allen Seiten ganz in Anspruch genommen.
Niemand glaubte weniger an die Dauer der Ereignisse, die von der zweiten Hälfte des Dezembers 1805 an begannen, als Pirchstaller. Nichts konnte seine Dankbarkeit für die in Wien persönlich genossenen allerhöchsten Gnaden, nichts seine Anhänglichkeit an das österreichische Kaiserhaus und seine Liebe zum Vaterlande in seinem geregelten Herzen auslöschen. Freudig und mit einem Feuereifer bot er bei den Vorfällen des Jahres 1809 Kopf, Hände und Füße dar; doch trug er nie eine Waffe. Dessen ungeachtet wurde er von den Franzosen bei ihrem nächtlichen Abzuge aus Meran, als Gefangener, oder Geißel, gebunden an einen der Bauern vom Dorfe Tirol, nach Terlan mitgeschleppt. Leicht hätte er sich unterwegs, wie der Gefährte seiner Bande, flüchten können; sein gutes Gewissen und seine Ehrlichkeit erlaubten es ihm nicht. Ein Pferdestall war dort sein Quartier, ein hie und da vorgeworfener Brocken seine Rettung vor dem Hungertode. Aber auch unter der Wiederholung der Bedrohung des Erschießens erlag sein Muth und seine Fassung nicht. Nach 10 qualvollen Tagen brachten ihn die wiederkehrenden Feinde mit sich nach Meran, wo er nun seine Freiheit erhielt.
Da man seine vielen gemeinnützlichen Nebenbeschäftigungen sah, und in Verwaltung des Spitals nichts bemängelte, wurde seit vielen Jahren keine Rechnung mehr von ihm gefordert. Im Bewußtsein seiner Treue, und in der Ueberzeugung, daß der ihm anvertraute Fond nicht abgenommen habe, kümmerte er sich auch wenig, immer nur für die gute Sache besorgt. Die öffentliche Ordnung forderte eine genaue und belegte Rechnung, welche Pirchstaller aus obigen Gründen nicht abzulegen vermochte; er wurde daher vom Amte entfernt, und sein geringes eigenes Vermögen in Beschlag genommen. Traurig war nun seine Lage in seinem mit Ehren vorgerückten Alter; sein Erwerb einzig auf den geringen Verdienst von Stein-Arbeiten, Grabmäler u. dgl. beschränkt. Zwar gab er sich mit angeborener Gelassenheit und christlicher Gleichmütigkeit darein; doch litten Geist und Körper merklich unter diesem Drange. — Die Zeichenschule hatte schon bei der Schließung des Gymnasiums im Jahre 1808 aufgehört. Sie wurde bei der Eröffnung einer Mittelschule im Jahre 1810 nicht wieder hergestellt. Auf das Zudringen des für alles Gute und Nützliche ganz eingenommenen, um das Studium zu Meran so hochverdienten Herrn Präfekts, P. Benedikt Langes, begann Pirchstaller im Jahre 1815 seinen Unterricht wieder. Auf allseitiges Vorstellen und Bitten wurde ihm endlich unterm 3. November 1817 der provisorische Gehalt von jährlich 150 fl. W. W. bei dem Spitalsfonde allergnädigst angewiesen.
Im Jahre 1816 entdeckte Pirchstaller im südwestlichen Gebirge, ungefähr 3 Stunden ob der Stadt, bei der Parzelle Quadrat, in der Pfarre Partschins, einen weißen, feinen Marmorbruch. Mehrere Stücke davon mußte er, geformt nach dem ihm geschickten Maaße, nach Wien an den Herrn Statuar Leopold Kißling senden, der ihn „als einen erfahrenen Künstler“ schätzte, und sich auf seine ihm „bekannte Genauigkeit“ verlassen konnte.
Pirchstaller war überhaupt ein sehr rechtlicher, uneigennütziger, gefälliger Mann; dabei aber offen und gerade; doch in seinen letzten Jahren sehr unentschlossen, und bei aller Geschäftigkeit ohne Schnellkraft; von Jugend auf bis an sein Ende ein herzlicher Christ. Seinen in Wien angewohnten äußeren Anstand behielt er unter allem Spiele des unbeständigen Weltglückes bei. Auf die Erfüllung seiner Pflichten achtete er so, daß er noch vier Tage vor seinem Tode, schon tödlich krank, nicht zu bewegen war, die Zeichnungsschule zu unterlassen. Ruhe seiner Asche, und Ehre!
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1819–18296 Schlagwörter
Besuch von Erzherzog Franz Carl in Meran und im Passeiertal
Erzherzog Franz Carl besucht im Juli 1824 Meran, das Passeiertal und Schloss Tirol. In St. Leonhard trifft der königliche Gast auf die Familie des 1810 hingerichteten Andreas Hofer sowie auf dessen ehemalige Waffengefährten. Die Reise wird von festlichen Empfängen der Bürgerwehr, Landesschützen und Lokalbehörden begleitet.
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"Nekrolog für Jakob Ulrich Pirchstaller, k. k. Zeichenmeister und Statuar in Meran." Der Bote für Tirol, 1. Juli 1824. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/01.07.1824/150055/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1824-07-01-nekrolog-fuer-jakob-ulrich-pirchstaller-k-k-zeichenmeister-und-statuar-in-meran