Zwei Vermisstenfälle in Meran und Umgebung
Bericht über zwei tragische Vermisstenfälle angesehener junger Bürger aus Meran im Jahr 1851. Johann Putz, Sohn eines ehemaligen Glurnser Landrichters, wurde nach monatelanger Suche bei Schenna erfroren und verhungert aufgefunden. Der Glasermeister Florian Seyrer brach zu einer Bergtour über das Spronser Joch nach Pfelders auf und blieb trotz großangelegter Suchaktionen in den Bergen spurlos verschwunden.
Vollständige Transkription
Oesterreich.
Meran, 4. September. Schon zweimal erlebten wir hier heuer den Fall, daß Menschen aus unserer Mitte verschwanden, und dadurch ihre Familien in den größten Jammer stürzten; und zwar waren die Verschwundenen keine Kinder oder Leute von zweideutigem Charakter, sondern junge Männer von achtbaren Familien und die des besten Rufes genossen. Der erstere dieser Unglücklichen war Hr. Johann Putz, ein Sohn des verstorbenen ehemaligen Landrichters von Glurns. Schon von seiner ersten Jugend an war er wegen seiner besondern Sittenreinheit sehr geachtet, und liebte die Stille und Zurückgezogenheit. Später zur Handlung bestimmt, ward er zur Erlernung derselben in eines der ersten Handelshäuser nach Triest gesandt. Doch seinem stillen Studierzimmer entrückt und in das laute Getriebe der Handelswelt versetzt, fand er in Triest, das einem religiösen Gemüthe in der That nichts Erquickliches zu bieten vermag, so wenig Behagen, und der Contrast zwischen seinem früheren Leben und seinem damaligen fing an so nachtheilig auf seinen Geist zu wirken, daß man es für gerathen fand, ihn zu seiner Familie hieher zurückzuschicken. Hier angekommen, gab er unter der ärztlichen Behandlung des Hrn. Dr. Matzegger alle Hoffnung, von seinem krankhaften Seelenzustande wieder vollkommen zu genesen. Doch etwa Anfangs März, nachdem er ungefähr ein Jahr zu Hause zugebracht hatte, wurde der junge Herr auf einmal unsichtbar. Die Seinigen, in der Meinung, er hätte nur einen Ausflug auf´s Land zu Verwandten gemacht, ahnten von seinem Ausbleiben zuerst nichts Schlimmes. Endlich wurden sie aber von diesem freilich bitter enttäuscht. Jetzt unterließen sie natürlich nicht, Leute auszusenden, um den Aufenthalt des Vermißten auszukundschaften, und diese — freilich nicht durchaus die verläßlichsten Subjecte — wollten demselben auch da und dort auf die Spur gekommen sein, welches Vorgeben sich indessen in der Folge als völlig grundlos erwies. Nach mehrmals wiederholten Nachforschungen wurden diese am Ende als fruchtlos erkannt und somit völlig eingestellt. Nachdem man aber fast alle Hoffnung aufgegeben hatte, den Verlornen in der Nähe zu finden; da kam seiner Familie die traurige Botschaft, man hätte den unglücklichen jungen Mann in einem Heustadel hinter Schönna gegen Thall zu theils verhungert, theils erfroren gefunden.
Ein ähnlicher betrübter Fall ergab sich erst jüngst wieder. Hr. Florian Seyrer, Glaser- und Spänglermeister dahier, noch unverehelicht, ein ganz achtbarer Mann, in guten ökonomischen Verhältnissen, verließ am 14. August sein Haus, um auf einige Tage zu Latzins in Pfelders Sommerfrisch zu machen. Da die Arbeit drängte, so verhieß er seiner Schwester, die ihm die Wirthschaft führt und den Laden versieht, am 18. gewiß wieder zurückzukommen. Der größern Annehmlichkeit wegen wählte er statt des minder erquicklichen Weges durch Passeier den zwar beschwerlicheren und in gewisser Hinsicht auch gefährlicheren, aber viel genußreicheren Weg durch die Tiroler-Alpe über´s Spronser-Joch. Der 18. August kam, aber nicht mit ihm der gute Meister Florian. Als er auch am folgenden und zweiten Tage nicht nach Hause kam, so wurden die Seinigen, insbesonders seine Schwester, begreiflicher Weise freilich sehr besorgt, und diese Angst und Besorgniß stieg noch mehr, als Jemand, der gerade von Pfelders kam, versicherte, am 15., als am hohen Unser-Frauentag, dort den Meister weder vor, noch bei, noch nach dem Gottesdienste gesehen zu haben. Auf diese Unglück verkündende Nachricht machte sich sein Bruder, Hr. Ignaz Seyrer, Buchbinder, sogleich mit einem guten Freunde auf und eilte, allenthalben Erkundigungen einziehend, suchend und Andere dazu auffordernd, auf dem nämlichen Wege, den Florian vorhatte, bis Latzins; aber leider — umsonst. Wohl vernahmen sie, daß Meister Florian in Longvall, dem höchsten Hofe vom Dorfe Tirol und auch weiter oben noch in einer Alpenhütte sich hätte Milch geben lassen; auch, daß sowohl Hirten als zwei andere Männer, die eben von Latzins herüberkamen, ihn noch weiter oben gesehen hätten, wie er gemächlich am Langsee hinwandelte; daß die Hirten, als sie wahrnahmen, er ginge zu viel links und könnte somit den sichern Uebergangspunkt nach Lazins verfehlen und sein Leben sogar auf solche Weise der Gefahr aussetzen, ihm von der Ferne Zeichen gegeben hätten, daß er sich mehr rechts zuwenden sollte, welche Zeichen, wie sie nicht zweifelten, der Meister auch gesehen und verstanden hätte, ohne sich indessen daran zu kehren. Diese Nichtbeachtung ihrer gutgemeinten Winke hätten sie (die Hirten) dann dahin ausgelegt, daß ihm, den sie übrigens nicht kannten, nicht an den Uebergang nach Latzins, sondern nur an der Besichtigung der Alpe und der verschiedenen dort befindlichen Seen gelegen sein müsse. Wieder von Latzins zurückgekehrt, unternahm Hr. Ignaz Seyrer mit einem anderen guten Freunde und noch acht oder zehn Männern wieder einen neuen Streifzug in jene Alpengegend, wobei auch Hunde zum Suchen verwendet wurden. Aber Alles vergebens. Es wurden ferners alle Hirten jener Alpen, alle mit jenen Gebirgsgegenden vertrauten Leute von Tirol, Vellau u. s. w. aufgeboten, allen Suchenden, besonders aber dem Finder des Verunglückten Belohnungen zugesprochen. Vom hohen Tschegot und der Muth bis hin nach Passeier wurden bis jetzt alle Felsenklüfte, Höhlen und Abgründe durchstöbert. Aber leider keine Spur des Verlorenen konnte bis heute aufgefunden werden.
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1850er4 Schlagwörter
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"Zwei Vermisstenfälle in Meran und Umgebung." Tiroler Zeitung - Wochenblatt für Katholiken, 17. September 1851. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/21006/1/17.09.1851/211091/2. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1851-09-17-zwei-vermisstenfaelle-in-meran-und-umgebung