Die Semesterprüfungen am Meraner Gymnasium
Ein ehemaliger Absolvent berichtet über die Semestralprüfungen am Meraner Gymnasium unter Leitung von Pater Albert Jäger aus dem Stift Marienberg. Der Verfasser lobt den neuen Lehrplan sowie die moderne Verknüpfung von Geographie und Weltgeschichte und erörtert den Nutzen des Sprachunterrichts.
Vollständige Transkription
Tagesneuigkeiten.
M. Meran. Die Prüfungen öffentlicher oder Privatanstalten sind immerhin etwas Wichtiges, und es kann ihnen nie genug Feierlichkeit von Seite des Lehrkörpers und Aufmerksamkeit von Seite des Orts und Umgebungen der Anstalten zugewendet werden. Selber aus dem Meraner Gymnasium hervorgegangen, und später ein fleißiger Besucher der Prüfungen daselbst hat es mich bei den letzten abgehaltenen Semestralprüfungen mit früher nie gefühltem Wohlbehagen erfüllt, weil beiden oben angedeuteten Punkten auf eine glänzende Weise entsprochen wurde. Der fast neu gebildete Lehrkörper aus meist jungen, rüstigen, begeisterten Männern aus dem Stifte Marienberg mit dem ausgezeichneten P. Albert Jäger an der Spitze, hat seine Aufgabe auf eine Weise gelöset, daß jeder überzeugt wurde, es sei diesen wackern Männern voller Ernst, die ihnen anvertraute studierende Jugend mit eben jener Begeisterung für Wissenschaften und alles Große und Schöne zu durchdringen, wie sie es selber sind, und sie auf jene Stufe allseitiger Bildung und Gesittung zu bringen, die am Ziele eines 8jährigen Studienkurses je erreicht werden kann. Wurde auch früher in einzelnen Fächern, namentlich im Latein und schriftlichen Ausarbeitungen von Einzelnen, - den hervorragendsten - vielleicht mehr geleistet, so vermißte man doch, leider, die allseitige und gleichmäßigere Ausbildung des ganzen Kurses. Zur Erreichung dieses Zweckes trägt ohne Zweifel der neue, sehr gut berechnete Schulplan sehr Vieles bei.
Was ist es doch Herrliches um das Studium der Geschichte! Mit Schauer denke ich noch daran, wie dieses früher in Gymnasien betrieben wurde! Der Geschichte muß genaue Kenntniß der Erdoberfläche vorausgehen. Es muß das nackte Gerippe der Erde --- Berge und Flüsse, Ebenen und Tiefen - im möglichst großen Maßstabe recht klar und deutlich vor Augen liegen. Dann werden auf andern Tafeln die geschichtlich nothwendigen Namen der Städte und Flecken - aber auch nur diese aufgenommen. Jetzt, wenn obiges ganz in die Seele des Schülers übergegangen, ganz das Eigenthum desselben geworden ist, kann ein kleiner Umriß der Universalgeschichte folgen. Dieser Umriß wird von Kurs zu Kurs allmälig stufenweise erweitert, d. i. immer mehr Begebenheiten und diese selbst immer ausführlicher vorgeführt, so daß im achten Kurse die Universalgeschichte in ihrem ganzen, großen Gange vorüberschreite. Diese Idee ist im neuen Schulplane so ziemlich festgehalten, und soll vom unglückseligen Gedanken von was immer für Spezialgeschichten ein für allemal abgegangen werden. Auf diese Weise durch 8 Jahre Universalgeschichte studiert, bleibt gewiß Eigenthum des ganzen Lebens.
Ganz überrascht ward ich, zum ersten Male die historisch-geographischen Atlase von Spruner, Le Sage, Stielers großen Atlas, den Zeitenstrom rc. im Prüfungssaale zu treffen, was alles den Studenten während des Jahres zu Gebote steht.
Frühzeitige Kenntniß der Außenwelt - also Naturgeschichte, eben so angenehm für die Jugend als nothwendige Bedingung klaren Denkens; nicht minder praktische Anleitung der Geometrie schon in den niedern Kursen sind gewiß sehr gut berechnet zur gehörigen Entwicklung des jungen, kräftigen Mannes. Nur dürfte es ganz zweckmäßig sein, das Griechische sogleich mit der zweiten Klasse zu beginnen, und fast gleichen Schrittes mit dem Latein fortzuführen; denn entweder nichts, oder so, daß belohnender Nutzen ins praktische Leben hinübergeht.
Das Italienische aber dürfte rathsamer sein, erst im 6ten Kurse zu beginnen, wo gehörige Festigkeit im Latein vorhanden und wegen der Aehnlichkeit dieser zwei Sprachen keine Konfusion mehr zu befürchten ist. Dort könnte eben so gut gleichzeitig mit dem Italienischen das Französische betrieben werden.
Die Prüfungen selbst so vorgenommen, daß ein und derselbe Gegenstand durch alle Kurse ohne Unterbrechung durchgeführt wird, ist gewiß die einzige Art, selbe den Schülern und Zuhörern eben so interessant als lehrreich zu machen. Die Zeit selbst für die Prüfungen verwendet, ist am allerwenigsten eine verlorene Zeit, besonders wenn selbe mit gehöriger Muße vorgenommen, wird weder den Prüfenden noch zu Prüfenden zur erschöpfenden Last und Qual werden.
Dieß die freie Aeußerung eines Studentenfreundes, der das Meraner Obergymnasium, so wie es jetzt bestellt ist, als eines der blühendsten des Landes zu prophezeien sich berechtiget hält.
Auch in diesem Monat
- Der Bote für Tirol1850er5 Schlagwörter
Verleihung von Ehrenmedaillen an Gymnasial-Präfekten
Die Wiener Zeitung meldet die Verleihung der großen goldenen Zivil-Ehrenmedaille an zwei ehemalige Gymnasialpräfekten aus Meran und Bozen. Ausgezeichnet wurden Pater Placidus Degesser aus dem Stift Marienberg und der Franziskanerpater Dismas Tutzer.
- Der Bote für Tirol1850er4 Schlagwörter
Auszeichnung des emeritierten Gymnasialpräfekten P. Placidus Degeser in Meran
In Meran wird der 78-jährige emeritierte Gymnasialpräfekt P. Placidus Degeser für sein 47-jähriges Wirken mit der großen goldenen Ehrenmedaille ausgezeichnet. An dem festlichen Hochamt und Festakt nehmen Geistlichkeit, Behörden und zahlreiche ehemalige Schüler teil.
- Der Bote für Tirol1850er4 Schlagwörter
Berichtigung des Meraner Gymnasial-Lehrkörpers
Der Lehrkörper des Meraner Gymnasiums stellt in einer öffentlichen Mitteilung klar, dass das Obergymnasium bereits besteht und er nicht am Spendenaufruf des katholischen Zweigvereins beteiligt war. Zugleich betont das Kollegium seine Wertschätzung auch für weltliche Pädagogen.
1850 im Überblick
Das Jahr 1850 war in Meran geprägt von administrativen Neuerungen nach der politischen Umstrukturierung Tirols sowie bedeutenden Fortschritten und Debatten im Bildungswesen, insbesondere um den Status des Obergymnasiums. Neben infrastruktur- und sicherheitspolitischen Herausforderungen wie Flussregulierungen und der Bewältigung eines Großbrandes in Obermais bestimmten auch überregionale politische Entwicklungen und die Vorbereitungen auf den sommerlichen Besuch des Erzherzogs das öffentliche Leben. →
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"Die Semesterprüfungen am Meraner Gymnasium." Der Bote für Tirol, 11. Februar 1850. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/11.02.1850/153022/2. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1850-02-11-die-semesterpruefungen-am-meraner-gymnasium