Der katholische Verein und die Feierlichkeit der Versehgänge in Meran
Ein Korrespondenzbericht aus Meran mahnt zur Pflege des katholischen Glaubensbewusstseins angesichts der neuen Reichsverfassung von 1849. Durch das Eingreifen des neu gegründeten Katholischen Vereins nahmen erstmals angesehene Bürger und Honoratioren feierlich am Meraner Versehgang zur Osterkommunion teil. Die Initiative wird als Modell für andere Gemeinden zur Belebung der Sakramentsverehrung empfohlen.
Vollständige Transkription
Tirol.
x Meran, Ende April. (Korresp.) Da nach dem Geist und Wortlaut unsrer neuen Staatsverfassung die Reinerhaltung des katholischen Glaubens in unserem »Kronlande« wohl hauptsächlich nur im religiösen Eifer und Zusammenwirken der Gemeinden noch ein Rettungsmittel finden mag, so wird es von nun an mehr als je Noth thun, nicht blos das religiöse im Allgemeinen, sondern das katholische Bewußtsein im Volke zu wecken und lebendig zu erhalten. — Eines der vorzüglichsten Weckungsmittel möchte aber wohl immer die Verehrung und Hochachtung gegen das heiligste Altarssakrament bleiben; denn dieses ist ja der Brennpunkt, in dem sich die Strahlen des katholischen Glaubenslichtes sammeln, die Sonne, welche die Herzen der Gläubigen erwärmt, den Geist zum Festhalten am hl. Glauben kräftigt; es ist der Inbegriff jener Hauptdogmen, welche das Volk an den erhebenden Unterschied unsers Glaubens von den übrigen Bekenntnissen erinnern.
Es steht nun zwar auch in diesem Bezug unser frommes Tirolervolk rühmlich vor den Augen der Welt da, so daß es, was Empfang, Verehrung und sonstige Verherrlichung des Allerheiligsten betrifft, ohne Scheu jedem Lande des Erdkreises sich an die Seite stellen kann, und es hart zu entscheiden bleibt, ob der Eifer gegen das heiligste Sakrament bisher das Land rein katholisch erhalten half, oder ob das alleinige katholische Bekenntniß im Lande diesen Eifer im Volke erhalten hat. Aber wer möchte darum läugnen, daß hierin doch manches wenigstens in manchen Orten sich noch verbessern ließe, was den Eifer für die katholische Religion nur fördern könnte? Insbesondere dürfte bezüglich auf die Versehgänge, vorzugsweise beim allgemeinen monatlichen Versehen der Kranken noch manches sich thun lassen, was nicht nur des erhabenen Gegenstandes würdig, sondern auch von wohlthätigem Einfluß auf das Volk wäre.
In Meran, welches doch auch in diesem Stücke nicht hinter andern Orten zurück sein dürfte, fühlten es schon lange einzelne fromme Bewohner, wie wünschenswerth es wäre, daß einmal ein Impuls geschehe, um besonders die allgemeinen Versehgänge noch feierlicher zu machen, und ihnen zahlreichere Begleitung zu verschaffen; denn diese bestand bisher gewöhnlich nur aus wenigen frommen weiblichen Seelen aus den untersten Ständen. Manche Personen aus den höhern Klassen wünschten zwar sich als Begleiter dem Zuge anzuschließen; allein weil sie sich ganz vereinzelt dabei gesehen hätten, so hielt sie eine gewisse Scheu zurück, die so mächtig wirkende Scheu als Sonderlinge oder Bigotte zu erscheinen. So kamen die Wünsche Vieler, weil vereinzelt, nicht zur Wirklichkeit. Allein kaum hatte sich hier der katholische Verein ¹) konstituirt, so ward auch bald diese Angelegenheit bei einer Sitzung des Vereinsausschusses vorgebracht, und — sie fand überraschend großen Anklang. Wenige Tage darauf fand der allgemeine Versehgang zur Ertheilung der Osterkommunion Statt, und da sah man angesehene Bürger, Honorazioren theils mit Wachsfackeln neben dem Traghimmel hergehen, theils andächtig dem Allerheiligsten durch alle Gassen und Gänge folgen; man sah adelige und Bürgerstöchter, die sich dem bedeutend vergrößerten Zuge anschlossen. Viele andere, auch aus den höhern Ständen würden es gleichfalls gethan haben, wenn sie von der Sache Kunde erhalten hätten, werden es aber in der Zukunft thun. So äußerten sich wenigstens Manche. Dieser ganz neue Aufschwung war eine Frucht unsers Filialvereins. Wäre also in demselben sonst nichts Gutes gesagt, verhandelt, beschlossen worden, so wäre dieses allein für den katholischen Verein Rechtfertigung genug, wenn derselbe noch solcher bedürfen sollte in den Augen ruhig denkender Leute. Denn ohne Verein würde selbst dieses scheinbar Wenige nicht zu Stande gekommen sein. Ehre also dem eifrigen Vereinsausschusse, der die Sache angeregt, Ehre den braven Bewohnern von Meran, die sich so innig daran betheiligen!
Ich erlaube mir noch einen Vorschlag, und zwar den einfachsten von der Welt, nämlich: »Gehet hin, und thuet desgleichen.« Oder würde sich etwas Aehnliches nicht auch an andern Orten zu Stande bringen lassen, wo der liebe Heiland oft in wahrhaft Wehmuth erregender Stille und Verlassenheit durch die Wege getragen wird? Wenn eifrige Seelsorger in Städten mit soliden, angesehenen Bürgern, auf dem Lande mit einflußreichen Gemeindemännern sich traulich und begeistert besprächen, würde sich ohne Zweifel bei den meisten derselben so viel religiöses Gefühl vorfinden, daß sie sich herbeiließen zu je 4—5 Wochen einmal durch 1—2 Stunden dem Heilande als Ehrenwache zu dienen, oder als Begleiter zu folgen, und würden etwa auch Einem oder dem Andern aus ihrem Hause gestatten oder befehlen ihrem Beispiele zu folgen und mitzuwallen. Sie könnten etwa auch, vorzüglich in größern Orten, mit dem Dienste beim Allerheiligsten ordentlich abwechseln, damit er keinem zu oft komme und lästig falle.
Wenn nun so diejenigen, die für andere auf den Leuchter gestellt sind, öffentlich ihren frommen Eifer sehen ließen, wenn bei sonstiger passender Ausstattung das laute Gebet der Begleiter etwa auch mit einem ergreifenden Gesange wechseln würde; so könnte der Eindruck davon gewiß nicht klein sein. Das schöne Beispiel, die äußere Pracht und Andacht würde immer mehr Begleiter herbeiziehen, und wir hätten dann jeden Monat eine Fronleichnamsprozession im Kleinen, eine glänzende Manifestazion des echt katholischen Sinnes und Lebens.
Mit einer außerordentlichen Beilage.
¹) Dieser Verein wird wohl den konstitutionellen, politischen Charakter ablegen, um nicht nach den neuen Assoziazionsgesetzen den für politische Klubbs so nothwendigen Beschränkungen zu unterliegen, und künftig sich mit Religion, Kirche, Moralität, Wohlthätigkeit rc. allein befassen.
1849 im Überblick
Das Jahr 1849 war in Meran von intensiven politischen Debatten über die Reichsverfassung, regionalen Verwaltungs- und Steuerstreitigkeiten sowie dem Engagement für das Bildungswesen geprägt. Bedeutende Ereignisse umfassten den Abschied des Theologen Beda Weber, die Unterstützung kriegsgeschädigter Soldaten und Initiativen zur Stärkung des katholischen Vereinslebens. Zudem führten Neuerungen bei der Wehrordnung zu Unmut in der Bevölkerung, während Naturkatastrophen im Umland schwere Schäden verursachten. →
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"Der katholische Verein und die Feierlichkeit der Versehgänge in Meran." Katholische Blätter aus Tirol, 8. Mai 1849. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/62978/1/08.05.1849/289409/14. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1849-05-08-der-katholische-verein-und-die-feierlichkeit-der-versehgaenge-in-meran