Verheerender Murbruch in Lichtenberg bei Glurns
Bericht über eine verheerende Mure, die am 18. und 19. Mai 1847 das Dorf Lichtenberg bei Glurns heimsuchte. Ein Großteil der Häuser, Felder und Infrastruktur wurde verschüttet oder zerstört, woraufhin um Spenden für die betroffene Bevölkerung gebeten wird.
Vollständige Transkription
Oesterreichische Monarchie.
Tirol.
Glurns, den 30. Mai. Lichtenberg, jenes mahlerische Dörfchen unter den gräflich Khuenschen Schloßruinen, welches von Gärten umgürtet, von Wiesen und Feldern umgrünt, auch auf der Malser-Poststraße die Aufmerksamkeit des Reisenden fesselte, wurde am 18. und 19. d. M. durch einen ungeheuern Murbruch in eine ewige Wüste umgestaltet. Der zu einem wilden Strome angewachsene Dorfbach zerstörte mehrere Häuser, wälzte kolossale Felsstücke aus dem Hintergrunde des Thales mit riesigen Bäumen und Sagstämmen daher, überdeckte die ganze Umgegend mit mannstiefem Schutt und Steinen, rieß Gräben und Höhlen von erstaunlichen Dimensionen auf und ließ von den 35 Wohnungen nur 9 ganz unbeschädigt. So haben die Verunglückten in diesen zwei Schreckenstagen Haus und Gut, Grundzinse und das Fürpfand ihrer Kapitalien kurz alles — nur nicht das Leben, — verloren. Selbst die wenigen verschont gebliebenen Grundstücke werden schwer benützt werden können, weil auch die Wasserleitungen zerstört sind und der Bach sich einen neuen Rinnsal suchte. Vergebens gegen die verheerenden Elementarkräfte waren die lobenswerthen Anstrengungen der aus den benachbarten Ortschaften Glurns, Prad, Schluderns mit ihren Vorstehern herbeigeeilten Hilfsmannschaft unter beständiger Mitwirkung der Gerichtskommission und der Ortsgeistlichkeit. Was vermag schwache Menschenhand gegen entfesselte Naturgewalt! Aber noch lange war das Maß so vielen Elends nicht voll. Die nächsten Tage darauf wurde eine viertel Stunde vor Lichtenberg der Gulbach zu einem breiten tobenden Murflusse und lagerte eine Masse von klaftertiefem Schlamm und Schotter über einen weiten Strich des fruchtbarsten Bodens ab, überströmte in seiner größten Breite den Hauptgemeindeweg und machte ihn für Fußgänger durch mehrere Tage, für die Zufuhr durch längere Zeit unbrauchbar. Wahrlich zu viel des Jammers auf einmal! Viele Familien werden verarmen, oder doch die meisten sich zu ihrem vorigen ohnehin nur mittelmäßigen Wirthschaftsbestande nicht mehr emporschwingen. Herzergreifend ist der Anblick, die Häuser bis zur Höhe der Hausthüre versandet; vom Pfarrwidumstadel keine Spur mehr, die Schmiede, die Mühle, das Jägerhaus größtentheils demolirt, die Gräber auf dem Gottesacker eingesunken, die mächtigsten Bäume nur mit der Krone über das Sandmeer trostlos emporragend. Eine ganze Gemeinde in tiefste Trauer, ohne andere Aussicht, als auf die Hilfe von oben und den Beistand milder Wohlthäter. — Möchte dieser Aufruf an alle Bewohner der Provinz Eingang finden zu ihrem Herzen!
1847 im Überblick
Das Jahr 1847 in Meran und Umgebung war geprägt von sozialem Engagement, Gedenken und Krisenhilfe. Neben Berichten über wohltätige Spendenaufkommen und testamentarische Legate für das Schulwesen im Januar stand der Mai im Zeichen des literarischen Gedenkens an einen jungen Frater des Kollegiums. Im Juni dominierten schliesslich dringende Spendenaufrufe zur Unterstützung der von einer Mure im Vinschgauer Dorf Lichtenberg schwer getroffenen Bevölkerung. →
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"Verheerender Murbruch in Lichtenberg bei Glurns." Der Bote für Tirol, 3. Juni 1847. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/03.06.1847/152447/1. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1847-06-03-verheerender-murbruch-in-lichtenberg-bei-glurns