Allgemeine ZeitungOriginalquelle ansehen

Meran als heilsamer Kurort und Ausflugsziel

Zusammenfassung

Ein Kurgast schildert seine Genesung im milden Frühjahrsklima von Meran und empfiehlt die Stadt Personen mit Lungenleiden oder Erschöpfung als nahe Alternative zum Mittelmeerraum. Neben der üppigen Vegetation und den zahlreichen historischen Burgen in der Umgebung hebt der Bericht Meran als idealen, gastfreundlichen Ausgangspunkt für Reisen in die Tiroler Alpen hervor.

Vollständige Transkription

Außerordentliche Beilage zur Allgemeinen Zeitung. Nro. 218 und 219. 1835 (2 Junius.)

Meran.

  • Aus Meran. Eine freundliche Schilderung des alten Meran und seiner herrlichen Umgebungen in diesen Blättern ) hat mich hieher geführt aus dem deutschen Norden in dis reizende Thal, und Andere mit mir. Wir sind seit Mitte Aprils hier, und unsre Leiden und Beschwerden sind dem milderen Hauche dieser Lüfte gewichen. Dem Verfasser jener Zeilen nun zu danken und aufs Neue diesen Ort der reiselustigen Welt und besonders denen, die an Asthma, Hypochondrie, Phthisis, Atrophie und ähnlichen Uebeln leiden — vorausgesetzt, daß letztere noch nicht zuweit vorgerückt sind — zu empfehlen, halten wir für unsre Pflicht. Schon im April, als wir hier ankamen, wurden wir durch die Wunder dieser himmlischen Gegend überrascht. Wir verließen Innsbruck im Schnee und Regen, kein grünes Blatt war noch zu sehen, kaum die Saat bestellt im Felde. Hier umfingen uns plötzlich alle Zauber des Frühlings, die Wiesen zierte ein nie gesehenes üppiges Grün, alle Bäume prangten in voller Blüthe, den Pfirsich schmückte auf freier Flur eine Krone rosenrother Blüthen, und der Feigen- und Aprikosenbaum zeigten schon die ersten Früchte. Dabei war der Himmel so rein und die Luft so balsamisch erquickend, daß die leidende Brust den überschäumenden Becher voll Duft nicht zu leeren vermochte. Unsre Herzen wurden durch den Anblick dieser neuen gesegneten Natur freudiger bewegt als je, und die gewisse Hofnung einer baldigen Belebung der gesunkenen Kräfte wirkte mehr als alle Arzneien unsrer Aerzte, deren wir selbst einen unter uns haben. Jezt, wo wir wirklich genesen, genießen wir in doppelter Freude die Schönheiten dieses Himmels. Die göttliche Natur reift mit wunderbarer Kraft alle Früchte des Sommers vor unsern Augen, und von den Bergen lacht in blühenden Bäumen ein zweiter Frühling uns entgegen. Der Weinstok rankt sich blühend empor über reifende Saaten, und bald wird ein junger Keim die goldenen Aehren unter ihm verdrängen. Denn höher und schöner als am Rhein rankt man hier die Reben empor, überall bilden sie die herrlichsten Lauben, und geben auf Bergwegen und Straßen einen erquickenden Schatten. Das Gras auf den Wiesen hat durch den fruchtbaren häufigen Regen und durch die frühe künstliche Bewässerung, eine seltene Höhe erreicht, und die muntern Mäher bereiten sich zum Heuen, was im Jahre noch dreimal wiederkehrt. Der Maulbeerbaum, der in vielen Gegenden von Ober-Italien durch die ungewöhnliche Kälte des Frühjahrs fast vernichtet wurde, erwekt hier, von einem milderen Wetter geschont, die schönste Hofnung. Diese wahrhafte Schilderung dürfte wohl den Glauben erwecken, daß Meran ein Ort sey, der in jeder Hinsicht dem Leidenden so nützlich, wie dem Gesunden Vergnügen bietend seyn mag. Nur der große Name fehlt dem kleinen Städtchen, um es, ohne Auffallen, mit Neapel und Nizza vergleichen zu dürfen. Während unter einem fernen Himmel die schwache Konstitution die fremde Kost und fremde Gewohnheiten nicht mehr verträgt, würde hier bei deutscher Kost und deutscher Sitte dem kranken Organismus gewiß ein besserer Segen erblühen. Möchten doch nicht alle diesem unseligen Aberglauben folgen und ihren leidenden Körper für schweres Geld in das entfernte Ausland schleppen, sondern dem Rath aufrichtiger Menschenfreunde Gehör geben, und dem viel näheren, fast eben so milden Himmel dieses Thals Vertrauen schenken, wo schon vor 1000 Jahren die edelsten Familien des Landes und Fremde aus dem gepriesenen Süden Schlösser und Burgen auf allen Höhen in unzähliger Menge erbauten, die noch heutiges Tages die Bewunderung aller Reisenden sind. Und was kan besser für die Schönheit der Gegend zeugen, als diese Schlösser und Ruinen? Auf einem kurzen Strich Landes von kaum vier Stunden in der Länge zählt man deren 35! Unter diesen ehrwürdigen Zeugen einer heldenmüthigen Vorzeit steht das alte Schloß Tyrol oben an; etwa 5/4 Stunden von Meran gelegen, genießt man von seiner Höhe herab die Aussicht über das ganze Thal. In dieser Burg feierte im Februar 1342 Margaretha Maultasche ihre Hochzeit mit Ludwig, Markgrafen von Brandenburg, Sohn Kaiser Ludwigs des Bayern, der das hohe Brautpaar selbst aufs Schloß begleitete und dort der Vermählung beiwohnte, die mit gewaltiger Pracht und großem Jubel gefeiert wurde, und wobei den fremden Gästen der rhätische Wein eben so vortreflich mundete, wie einst dem Suetonius, der dem Kaiser Augustus versicherte, daß ihm dieser das meiste Vergnügen gemacht. Rechts und links umlagern das alte Tyrol, theils noch als stattliche Schlösser, theils als malerische Ruinen: Langvall, Thornstein, Brunnenburg, Auer, Schenna, Goyen, Zenoburg, Rondeck, Labers, Stametz, Rubein, Knillenberg, Winkel, Neuberg; mehr entfernt liegen: Fragsburg, Katzenstein, Maultasch, Sauschloß, Hohen=Eppan, Brandeis, Tornsberg, Leonburg, Mayenburg, Zwingenberg, Wörburg, Fahlburg, Zelmsdorf, Stein, Eschenloh, Lebenberg, Katzenzungen, Fraums, Forst und Josephsberg. Fremde, welche sich weiter in Tyrol umsehen wollen, können nirgends besser als von Meran aus die entfernten Thäler und Ferner besuchen. In der Post und im Adler bieten ihnen gleich billige Wohnungen Gelegenheit zum Verweilen und Ausruhen vom Ersteigen der Alpen. Der Professor Weber und andere würdige Männer helfen gern und bereitwillig jedem, der Belehrung sucht und sich historische oder geognostische Kenntnisse des Landes sammelt. In Einem Tage erreicht man von hier die neue, 8000 Fuß hohe Wunderstraße über das Wormser Joch; nicht viel mehr Zeit gebraucht man zu den Ufern des Lago di Garda; eben so bald gelangt man zu den Oetzthaler Fernern, zu den Sauerbrunnen von Rabbi und Pejo, ins Thal Gröden, wo die schönen Spielsachen für die gesamte Kinderwelt geschnitzt werden; auf die Seisser Alpe, zu Andreas Hofers Hause im Thale Passeyr sind es nur vier Stunden von hier, und viele andere Exkursionen lassen sich von hier aus leicht und mit geringen Kosten unternehmen. Zu den Annehmlichkeiten der Gegend gesellt sich noch eine gastfreundliche Zuvorkommenheit der Einwohner gegen Fremde. Ueberall wird man liebreich empfangen und schnell sieht man einen Kreis von Freunden um sich versammelt. Madame Schechner=Wagen und Lewald*, der hier seine „Bilder aus Tyrol“ schrieb, werden die ersten wie die letzten Stunden in Meran gleich freundliche Erinnerungen bieten. Möchten diese Zeilen das Vertrauen erweken, das sie verdienen. Möchten Leidende, die sich nach einem milden Himmel sehnen, hierher eilen und hier die göttliche Luft athmen, die unter einem entfernteren Himmelsstrich nicht reiner und erquickender seyn kan. Möchten endlich Reisende, die nach Italien gehen, die Poststation von Botzen bis Meran nicht scheuen oder ihren Weg über Landeck nehmen und einen Tag in der Gegend verweilen, wo einst hinter goldenen Pforten der Rosengarten Laurins sich erhob, der als der schönste der Erde galt, und wo eine einzige Knospe dem Räuber die rechte Hand und den linken Fuß kostete.

*) Siehe außerordentliche Beilage der Allg. Zeitung Nro. 276 und 277 vom 14 Jul. 1834.

Auch in diesem Monat

1835 im Überblick

Das Jahr 1835 war in der Region geprägt von staatlicher Trauer um den verstorbenen Kaiser Franz I. und den damit verbundenen Gedenkfeiern sowie von bedeutenden Infrastrukturprojekten wie dem Bergbau und der Bilanzierung der Stilfserjoch-Militärstraße. Meran profilierte sich derweil zunehmend als geschätzter Kurort für Lungen- und Brustkranke, dessen mildes Klima, reiche Weinernte und prominente Gäste wie Erzherzog Johann das gesellschaftliche Leben prägten.

Zitieren & Teilen

"Meran als heilsamer Kurort und Ausflugsziel." Allgemeine Zeitung, 2. Juni 1835. https://digipress.digitale-sammlungen.de/view/bsb10504822_00881_u001?page=10,11. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1835-06-02-meran-als-heilsamer-kurort-und-ausflugsziel