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Über Veränderung des Klimas in Europa

Zusammenfassung

Ein Bericht erörtert zeitgenössische Theorien über die auffallende Milderung europäischer Winter. Während eine englische Hypothese die Entwaldung Nordamerikas und veränderte Windmuster dafür verantwortlich macht, deutet eine astronomische Ansicht auf eine langfristige Verringerung der Schiefe der Ekliptik hin.

Vollständige Transkription

Anhang.

Ueber Veränderung des Klima in Europa.

Die auffallende Milde des jüngst verflossenen und mehrerer aufeinander folgenden frühern Winter hat bereits die Aufmerksamkeit der Physiker auf sich gezogen. Ein Hr. Fairbairn theilt nun in einer englischen Zeitschrift seine Ansichten darüber mit, deren wesentlicher Inhalt in Folgendem besteht:

Die schnelle Aenderung im Klima von Großbritannien ist dem Lichten der Wälder in Canada und den nördlichen Staaten der amerikanischen Union zuzuschreiben. Das steigende Vorherrschen und die wachsende Wärme der Westwinde, welche über den nördlichen atlantischen Ocean herwehen, hat seinen Grund in den weiten Oeffnungen, welche die Art Jahr aus Jahr ein in den dortigen Wäldern macht. Die Nordwestwinde kamen bisher über unermeßliche Strecken Waldland, und waren nie gemildert durch die Wärme, welche sonst der Boden ausströmt, da dieser auch während der Sommermonate dem Strahl der Sonne entzogen war. Obgleich das Land in gleicher Breite mit den Ländern im Norden des mittelländischen Meeres liegt, so waren doch die Winter in Amerika, ehe die Wälder so bedeutend wie in dem letzten Vierteljahrhundert gelichtet wurden, von einer Strenge, welche man in Europa, selbst in Ländern, die um 12° nördlicher liegen, nicht kannte. Seit dem Anfang dieses Jahrhunderts ist die Aenderung außerordentlich; der Schnee, welcher sonst Monate lang die Wege versperrte, ist in weit geringerer Menge gefallen, und häufig tritt jetzt Thau und Regen in manchen Strichen Canada´s ein, wo man früher von keiner Unterbrechung der Strenge des Winters etwas wußte. Der St. Lorenzstrom schließt sich jetzt jedes Jahr später, und in jedem Frühjahre wird die Schifffahrt bälder offen. Baumwolle, Mais, Maulbeerbäume und Reben werden jetzt in Distrikten gepflanzt, wo vor 25 Jahren solche Erzeugnisse sich mit der mittleren Temperatur des Jahres nicht vertragen hätten. Das Losreißen des Eises in den Polarmeeren und das Erscheinen der Eisberge im atlantischen Ocean, welches seit 25 Jahren sehr häufig vorkam, ist gleichfalls der Anhäufung von Wärme in Canada und den umliegenden Ländern zuzuschreiben.

So schnell aber auch diese Aenderungen in dem Klima des amerikanischen Kontinents sind, so wird es doch mit der ferneren Lichtung der Wälder, mit dem wachsenden Anbaue des Bodens und der steigenden Bevölkerung noch fortwährend mit jedem Jahre milder werden, und ehe ein Jahrhundert verstreicht, wird der Lorenzstrom nicht mehr zufrieren. Man wird vielleicht fragen, wie das Klima in Canada auf das Klima des entfernten Englands so großen Einfluß haben könne. Hierauf dient aber zur Antwort, daß der Nordwestwind Canada´s über den atlantischen Ocean und den ganzen amerikanischen Kontinent sich erstreckt, und in der Stadt Mexiko oft in Zeit von einer Stunde das Thermometer von 70° auf 35° F. fallen macht. Wenn die Kälte dieser Nordwestwinde sich während des Winters in Mexiko und selbst in Westindien fühlbar macht, so muß man die an seiner Quelle in den Einöden Canada´s vorgegangenen Aenderungen wohl in allen von dem atlantischen Ocean bespülten Ländern bemerken. Das starke Eindringen des Meers an der westlichen Küste Irlands ist der Zunahme der Westwinde zuzuschreiben, und der Nordostpassatwind wurde aus derselben Ursache um mehrere Grade gegen Süden gedrängt, indem sich jetzt in dem Golf zwischen Florida und Mexiko kein Passatwind mehr zeigt. Kaufleute und Seefahrer haben die Erfahrung gemacht, daß an der Westküste von England und Schottland der Westwind beinahe zu einem Passatwinde geworden ist, und ohne die Hülfe der Dampffahrzeuge, welche die Schiffe aus dem Hafen hinaus am Schlepptau ziehen, würde der Handel oft geraume Zeit unterbrochen werden, und große Verluste erfolgen. Da dieselben Ursachen noch geraume Zeit andauern, und also dieselben Folgen nach sich ziehen werden, so wird bei dem fortwährenden Aushauen der canadischen Wälder der Winter in den südlichen Grafschaften Englands, wo keine Gebirge sich dem Westwinde entgegenstellen und ihn wieder erkälten, beinahe ganz aufhören.

Dagegen sucht ein Hr. Schmitz in der Zeitschrift „Originalien“ diese Erscheinung aus der Abnahme des Winkels der Eklipse zu erklären. Er stellt aus den Schriften der Astronomen von den ältesten Zeiten bis jetzt Beobachtungen zusammen, aus welchen hervorgehen soll, daß die Abweichung der Sonne von der Linie des Aequators, d. i. also der Winkel der Ekliptik, in einem stätigen Verhältnisse immer mehr abnehme. Die Folge davon, die er uns prophezeit, würde die seyn, vorausgesezt, daß es die alte Mutter Erde erlebt, daß die heiße Zone eine dürre ausgesengte Sandwüste, die gemäßigten zu den kalten, und die kalten Zonen zu kompakten, nie auftauenden Eisfeldern würden, mit einem Worte, daß sich die Erde immer mehr der Unbewohnbarkeit nähern würde.

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"Über Veränderung des Klimas in Europa." Der Bote für Tirol, 17. April 1834. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/17.04.1834/151077/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1834-04-17-ueber-veraenderung-des-klimas-in-europa