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Blicke auf die Bäder des Etschkreises im Sommer 1829

Zusammenfassung

Ein Bericht über den Zustand und Besuch der Heilbäder im Etschkreis während des Sommers 1829 beleuchtet infrastrukturelle Verbesserungen und witterungsbedingte Einbrüche bei den Kurgästezahlen. Trotz ungünstiger wirtschaftlicher und klimatischer Verhältnisse verzeichnete das Mitterbad im Ultental den stärksten Zulauf.

Vollständige Transkription

Anhang.

Blicke auf die Bäder des Etschkreises während des Sommers 1829. 1/2

Wenn ich es, gleich dem Berichterstatter über die böhmischen Bäder, in den Beilagen zur Allgemeinen Zeitung, wage, auch über die Bäder des Kreises, dem ich seit Jahren durch Dienstverhältnisse angehöre, jährlich einiges dem vaterländischen Publikum vorzutragen, so möge selbes nachsichtsvoll diese Darstellungen in der Erwägung hinnehmen, daß durch selbe immerhin die Kenntniß der Landesverhältnisse bereichert und Sinn für allgemeines nützliches Streben geweckt und genährt wird.

Es ist für den Vaterlandsfreund im Allgemeinen, und für Jeden, dem die Beseitigung oder Linderung der menschlichen körperlichen Leiden unmittelbare oder mittelbare Aufgabe geworden ist, insbesondere wirklich sehr erfreulich wahrzunehmen, wie im Punkte der Bäder — dieser unschätzbaren Natur- und Kunst-Anstalten gegen das Heer jener Leiden — allmählich auch in die dießseitigen Thäler sich ein Aufschwung zum Bessern, Bequemern und Nettern, oder zur allseitigen Verbesserung und Vervollkommnung jener Anstalten verpflanzt hat, und wie die Anerkennung der Hülfesuchenden Menge Jene lohnt, die sich solchem edlen Streben zum Heile ihrer leidenden Mitbürger hingeben.

Man vernimmt und beobachtet an den meisten dieser Badeplätze, wie von Jahr zu Jahr die Häuser sowohl von außen als von innen wesentlich verschönert, baufester gemacht und bequemer eingerichtet werden, wie Reinlichkeit — diese unserm Gebirgslande, mit Ausnahme mancher Gasthöfe und Privatwohnungen, im allgemeinen nicht sehr häufig zu Theil gewordene Tugend — sich über die Bade-Wohnungen, Wannen-Kammern und Speisetafeln wohlthätig verbreitet; wie man durch Erbauung neuer, bequemer Lokalien dem zahlreichen Andrange von Gästen freundlich entgegen zu kommen, durch Verbesserung der, oft über steile Gebirgsabhänge, waldichte Bergebenen, oder von Wildbächen beherrschte Thalgründe hinführende Zugangswege, die Gäste traulich anzulocken, und durch Anlegung bequemer schattiger Spaziergänge in diesen ohnehin weit verbreiteten Naturparken die Anwesenden in ihrem Heilungsgeschäfte liebevoll zu unterstützen sich bemühet.

Selbst die Zahl von dergleichen Anstalten nimmt von Zeit zu Zeit zu; früher besuchte, dann wieder aufgelassene, wurden in neuester Zeit wieder für Kranke geöffnet und eingerichtet, ganz neue, und theils früher benützte, theils erst jüngsthin entdeckte Quellen geschaffen, und so findet der Kreisbewohner in größtentheils geringen Entfernungen von seinem Wohnorte derlei Hülfsplätze nach Wahl zu seinem heilbringenden Empfange bereit; auch den Angehörigen nachbarlicher Kreise oder selbst ferner Gegenden kömmt dies ebenfalls — hat er nur einmal diesen Kreis erreicht — zu statten.

Die Menge verlangt und sucht Abwechslung in allen Gegenständen, die sie näher interessiren, so auch im Fache der Bäder; je ein einzelnes verbessert sich auffallend, Aerzte nehmen es aus mancherlei Impulsen in Protektion; man hört, daß Mehrere dahin wandern, und so köommt es, daß Mehrere wieder den Vorgängern nachfolgen; plötzlich aber ändert sich wieder diese Richtung, und so dreht sich der Menschen Sinn in engern, weitern Kreisen, und fixirt sich zeitweise bald da, bald dort, bald länger, bald kürzer, um dann wieder fortzurücken. Manchem Platze, der an sich eine bessere Beachtung verdiente, wird kaum eine größere Gunst, mitunter aus eigener Schuld, mitunter aus bloßem Zufalle.

Um Bäder als Kurgast besuchen zu können, bedarf man — will man anders die Heilkraft dieser Anstalten sich nicht durch mancherlei Entbehrungen oder auch wohl Nahrungssorgen verkümmern — einiger Baarschaft, folglich sogenannter guter Zeiten; die Klage über schlechte Zeiten, über Entwerthung der Produkte ist aber nur zu häufig; andererseits bedarf man, um Bäder besuchen zu mögen – schönes, warmes Wetter; aber auch der sonst so heitere, trockene, die breiten Thalgegenden sengende, etschländische Sommer, hatte sich im abgewichenen Jahre, so unfreundlich, trübe, regnerisch und kühl gezeigt, daß selbst die Leute, die ihm zu entgehen – wie gewöhnlich – auf die Berghöhen geflohen waren, in ihren trockenen Sommerfrische-Gemächern genug froren; wie schaudererregend war nicht erst für den, ohnehin durch Körperleiden in seiner innern Wärmeentwicklung herabgekommenen Kranken das stundenlange Einsitzen in die Badewannen, zumal in Räumen, deren viele durch schlecht bestellte Wände oder kaum geschlossene Fensteröffnungen dem Lichte und der Luft freien Ein-, den Badedünsten hingegen einen ebenso freien Ausgang gestatten?

Welch Wunder daher, daß im vorigen Jahre viel weniger Leidende die vielen Kreisbäder besuchen konnten und mochten, als dies in früheren Jahren und in guten Sommern sonst der Fall war; mochten auch vielleicht einige diesjährige Badelisten mit etwas Ostentation abgefaßt sein.

Doch nun genug vom Allgemeinen; es mögen einige Bemerkungen über die einzelnen Bäder folgen.

Die Krone hinsichtlich der Badegästezahl errang sich auch diesmal wieder das Mitterbad in Ulten; es gewann allen übrigen wieder den Vorsprung bei weitem ab. Werden denn die Menschen allmählich immer schwächer, daß so viele bei dieser so starken Eisenquelle Hülfe suchen zu müssen glauben, und wahrscheinlich auch größtentheils finden? Freilich vernahm man auch hin und wieder Klagen über unbefriedigende, selbst nachtheilige Folgen dieses Bades. Auch nachbarliche, mit guten Heilquellen begabte Kreise, selbst die Landes-Hauptstadt und das lombardisch-venetianische Königreich beschickten das Bad mit Huldigern; immerhin verdient die vortreffliche Bedienung, das rege und selbst lustige Leben in demselben, das an sich merkwürdige Thal, in dem es liegt, die verbesserten Zugangswege, die Nähe des vortrefflichen Rabi-Säuerlings auf dem Nonsberge, woher er in unverminderter Güte stets frisch zum Bade herüber geliefert wird – kurz, alles dies zusammen verdient und erwirbt ihm eine so schmeichelhafte Anerkennung.

(Beschluß folgt.)

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"Blicke auf die Bäder des Etschkreises im Sommer 1829." Der Bote für Tirol, 22. März 1830. https://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Seite/Zeitung/47/1/22.03.1830/150652/4. https://www.meran-archive.com/de/artikel/1830-03-22-blicke-auf-die-baeder-des-etschkreises-im-sommer-1829